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Interview: Jan Pfennig // Sido, The SWAG

Hallo Jan, beschreibe bitte als erstes in drei Worten, was Schlagzeugspielen für dich persönlich ausmacht:

Körper, Seele & Geist! Oder anders gesagt: der Körper kann seine Arme und Beine bewegen, die Seele hat Spaß und der Geist kann seine Kreativität ausleben 😉

Was war damals dein Schlüsselerlebnis, durch das du zur Trommelkunst gekommen bist?

Als Kind sah ich in den achtziger Jahren die ARD Sendung SUPERDRUMMING (von Pete York präsentiert). Ich war von den vielen Drumsets, Drummern und Solos so beeindruckt, dass ich von da an wusste: ich will Schlagzeuger werden. Dann nervte ich meine Mutter so lange, bis sie mich beim Schlagzeugunterricht anmeldete. Das erste halbe Jahr hab ich dann auf einem aus Küchentöpfen und Tupperware improvisierten Drumset geübt, bis ich mein erstes richtiges Set bekam.

Was ist deine Hauptinspiration, wenn du dich zum üben an dein Drumset setzt?

Ich liebe Solodrumming und die Menschen zum Tanzen zu bringen. Daher ist meine Hauptinspiration beim üben immer, dass ich groovige Patterns mit solistischen Einlagen kombinieren, oder übereinander spielen kann. Aus diesem Grund übe ich sehr viel Independence, bei der ich beispielsweise komplette Rhythmen mit den Füßen spiele und mit den Händen darüber soliere, mit einer Hand und beiden Füßen einen kompletten Groove spiele und mit der freien Hand dann soliere oder auch mit dem einen Fuß und der einen Hand ein Pattern spiele, während der andere Fuß und die andere Hand dazu gemeinsam solieren.

Weiterhin versuche ich immer die Übe-Zeit optimal auszunutzen:
Wenn ich z.B. Snareübungen mache, dann lasse ich die Füße nicht unbenutzt, sondern spiele gleichzeitig irgendein Ausdauer-Ostinato, wie Beispielsweise Doubles oder Paradiddles. Mache ich Fuß-Übungen, dann spiele ich mit den Händen einfache Ausdauer-Patterns dazu (z.B. One-Hand-Rolls oder Doubles/Triples).

Eine weitere Hauptinspiration ist es, dass ich in der Lage sein will, alles was ich mit rechts spiele, auch mit links zu spielen und umgekehrt. Stichwort Open Hand, aber auch „Open Feet“ 😉

Hast du eine gewisse Überoutine bzw. ein festes Programm?

Ich übe gerne und habe mir deswegen schon sehr, sehr viele Übungen, Konzepte und Routinen ausgedacht. Soviel, dass ich die gar nicht in meinem 5 Stunden Übe-Tag unterbringen kann, daher fasse ich die Übungen eher zu Modulen zusammen und entscheide dann am Übe-Tag spontan, mit welchen von den Modulen ich mich beschäftige. Generell besteht bei mir ein Übe-Tag zu einem Fünftel aus linearem Drumming, zu einem Fünftel aus Groove Drumming und zu dreifünftel aus Independence Drumming. Teilweise vermische ich aber auch die Themen, damit ich bei den einzelnen Übungen nicht zu sehr hängen bleibe, arbeite ich mit einem Minuten-Timer.

Wie bist du damals zur „Spider-Pedal-Technik“ gekommen? Diese komplexe Spielweise mit den Füßen wirkt sehr anspruchsvoll.
Ist dies auch ein Bestandteil in deinem aktuellen Drumbook „Swagdrumming“?

Diese Technik wird in meinem Drumbook SWAGDRUMMING nicht behandelt. Wenn mal ein größeres Interesse daran besteht, dann hab ich auf jeden Fall Material am Start, welches mehrere Bücher füllen könnte 😉 Ich habe damals in meinen Anfangsjahren an der Musikhochschule mit dem linken Fuß experimentiert, da ich irgendwie schnelle 16tel-Figuren mit der Hi-Hat spielen wollte. Da man bei der Hi-Hat, im Gegensatz zum Basspedal, nicht mit Rebound arbeiten kann, habe ich die Ferse für schnelle Hi-Hat Figuren zur Hilfe genommen. Irgendwann fing ich dann an, mir ein zweites Pedal daneben zu stellen und die Figuren, die ich mit Spitze und Ferse auf EINEM Pedal spielte, zwischen ZWEI aufzuteilen. Auf einmal merkte ich: man kann ja auch Polyrhythmisch mit einem Fuß auf zwei Pedalen spielen, wenn man „gleichzeitige Tritte“ und „abwechselnde Tritte“ der Pedale mischt. Mein erstes Polyrhythm-Fußpattern war dann folgendes: Fußspitze spielt Viertel auf Hi-Hat und die Ferse spielt die Son Clave auf der Cowbell. Nach einiger Zeit dachte ich mir, was der linke Fuß kann, kann der Rechte erst recht und habe mir auch ein Pedal neben das Basspedal gestellt und seitdem übe ich mit vier Pedalen gleichzeitig 😉
Das setzte ich damals dann auch direkt in meiner damaligen Disco-Coverband ein: z.B. spielte ich mit der linken Fußspitze Achtel auf der Hi-Hat und Viertel mit der Ferse auf der Cowbell, dazu dann mit der rechten Fußspitze Viertel auf der Bassdrum und mit der Ferse die „2“ und „4“ auf einem Elektronischen Kickpedal, auf das ich einen Handclapsound gelegt hatte. Die Hände konnten dann zu diesem Groove-Teppich Fills spielen, ohne das der „Flow“ zu sehr unterbrochen wurde.

Jan Pfennig: Swagdrumming

Swagdrumming beschäftigt sich (laut derzeitigen Youtube Videos) mit einem bestimmten HipHop Feel, welches sich am besten in Quintolen kommunizieren lässt. Wo, bzw. wann ist dieses spektakuläre Feeling entstanden?

Dieses sogennante INBETWEEN Feel gibt es, seitdem es den Shuffle gibt. Die alten Swingdrummer hatten jeder Ihren eigenen speziellen Swing. Seitdem die Sequenzer und Sequenzerprogramme den Musikern die „Swingtaste“ geschenkt haben, mit der man die Swingrate in Prozent einstellen kann, wird beim produzieren viel mit verschiedenen „Swingrates“ gearbeitet, um z.B. ein weicheres oder schärferes Feeling zu erzeugen. Die HipHop Produzenten haben aber auch sehr viele Beats mit einem sogenannten Inbetween-Feel dadurch geschaffen, dass sie die Grooves selber mit Ihrer MPC eingespielt haben und teilweise dann untight gespielte Passagen einfach loopten, die dadurch eine ganz eigene Groovemagie entwickelten. Als Livedrummer versucht man diese Beats dann genau umzusetzen. Mein Inbetween Drumming ist auf der Bühne mit meiner HipHop Band THE SWAG entstanden, mit denen ich seit vier Jahren jeden Dienstag im Berliner Club BADEHAUS die ganze Nacht durch jamme und bei der wir die ganze Nacht swaggern, während Rapper die Bühne entern und zu unseren Beats freestylen. Beim regelmäßigen spielen merkte ich, dass man mit der Quintole als Microtime sehr viele schöne Variationsmöglichkeiten auf der Hi-Hat und in der Bassdrum hat, so dass man nicht immer nur im sogenannten „8tel Modus“ Inbetween spielen muss. Nach und nach baute ich dieses Konzept aus, bis ich schließlich beim Swagdrumming landet. Nachdem mich immer mehr Drummer bei der Jam ansprachen, um Lessons bei mir zu genau diesem Thema zu nehmen, habe ich mich zusammen mit dem Schlagzeuger und Layouter Jacob Przemus zusammen gesetzt und das ganze in Buchform gebracht.

Ich persönlich kenne „Swag“ nur von Money Boy. Hat das was damit zu tun?

Nein, überhaupt nicht. Money Boy hat einfach eine Punchline aus dem Track „Turn my swag on“ von Soulja Boy aus dem Jahr 2008 geklaut.
SWAG ist Slang und den Begriff gibt es schon seit den 60er/70er Jahren in den Staaten. Mein Gitarrist, der aus Miami stammt, benutzte das Wort mit seinen Homies auf folgende Art: wenn jemand „swag“ hat, dann hat er einen ganz eigenen, individuellen, besonderen Style. Andere benutzen das Wort als eine Beschreibung für Abgehangenheit, Lässigkeit – und Wikipedia erklärt Swag unter anderem mit „positive Ausstrahlung“. Ich habe den Begriff Swagdrumming gewählt, da sich diese Spielweise für mich sehr „laidback“ und abgehangen anhört/anfühlt.

Bei welchen Bands bzw. Projekten bist du derzeit noch tätig?

Da Sido zur Zeit nur Dj Shows ohne Band spielt, konzentriere ich mich auf meine eigene Band THE SWAG, mit der ich Ende diesen Sommers das erste Album releasen werde. Weiterhin bin ich neuerdings der MD des Rappers Simon Grohe, mit dem wir im Herbst eine Tour planen. Dann hab ich ein vielversprechendes neues Urban Beats Projekt namens MAYAM mit dem ich im März im Studio war: zwei Drummer mit verzahnten Beats a la Peter Fox plus deutschsprachigem souligen female Gesang. Dann hab ich noch meine Tower-of-Power-Funkband FUNK DELICIOUS mit der wir Club-Gigs spielen. Mit der Band IRIE REVOLTE werde ich auch ein paar sehr schöne Festivals spielen. Ich habe vor, mich auch wieder verstärkt mit meiner Drum&Bass Band HUMAN SAMPLER zu beschäftigen.

Was sind im Jahr 2016 noch für musikalische Highlights geplant?

Es steht bei meiner eigenen Band THE SWAG unsere erste Album Veröffentlichung im Spätsommer an. Mit Simon Grohe steht hoffentlich im Herbst eine Tour an, je nachdem wie gut sein Album laufen wird. Dann stecke ich voll in der Planung für weitere Swagdrumming Workshops Ende September/Anfang Oktober, weil die Swagdrumming-Workshop Tour im April so ein gutes Feedback hatte. Ich hoffe noch auf ein kleines persönliches musikalisches Highlight: seit Jahren ist es von mir ein Traum, mich mit meinem Drumset in Berlin auf die Straße zu stellen und mit Solodrumming die Menschen zu begeistern. Komischerweise hab ich überhaupt kein Problem, mit Bands vor 80.000 Menschen zu spielen, aber ich find es sauschwer, sich einfach direkt auf die Straße direkt vor die Leute zu stellen, Auge in Auge, nur mein Drumset und die Zuschauer – vielleicht schaff ich es ja dieses Jahr 😉

Mir kam mal bei einem Drumtuning Workshop die Aussage zu Ohren: „Wer gut klingt, kann sich erlauben weniger zu können.“
Fallen dir dazu Beispiele ein bzw. kannst du die Aussage bestätigen?

Ein guter Sound ist das A und O eines Drummers, aber WAS IST EIN GUTER SOUND, denn das ist ja totale Geschmacksache: die einen Drummer stehen auf trashige Sounds, die bewusst müllig klingen sollen, die anderen auf total cleane Sounds… die einen stehen auf total offene oder singende Tomsounds, die anderen stehen auf total gemuffelte, kurze Tomsounds… die einen stehen auf offene, rockige, tiefe Kickdrums, die anderen auf kurze gemuffelte hohe Kickdrum. Das muss man auch ganz und gar abhängig von der Musikrichtung machen.

Um nochmal auf die Eingangsfrage einzugehen: Wenn man jetzt mit einem Drumsound spielt, der sehr offen, dick und fett klingt, was man natürlich als „gut klingend“ bezeichnen kann (Beispielsweise ein Pop/Rockdrumset im Stadion), dann gehen sehr viel und schnell gespielte Noten in einem Soundbrei unter, heißt: wenig spielen – sparsame Grooves und nur Achtel- oder Viertel-Fill ins. Ob das jetzt „weniger zu können“ bedeutet würde ich bezweifeln.

Eine merkwürdige Sache ist mir schonmal bei dieser Thematik aufgefallen: Ich habe einige Drummer live mit einem E-Drumset spielen hören die, trotz dass sie untight spielten, relativ gut durch ihren fetten Sound rüberkamen, die perfekt klingenden Drumsamples haben das Unvermögen des Schlagzeugers teilweise kaschiert. Auf der anderen Seite habe ich schon Hammer-Schlagzeuger erlebt, bei denen mir der Mischer durch schlechtes Mixing das Groove- oder Schlagzeug-Erlebnis voll vermiest hat. Ich möchte damit sagen: der Drummer klang wahrscheinlich geil, aber niemand hat es mitbekommen.

Was ist deine persönliche Definition von Groove?

Groove heißt für mich nicht, dass man ganz exakt in Time spielen kann oder dass man das Tempo perfekt hält. Groove ist eine Magie, die zwischen den Instrumenten einer Band entsteht: wie ist das Timing-Verhältnis zwischen Drums, Bass, Gitarre etc… Wenn alle ganz genau aufeinanderspielen, dann hört es sich leblos wie eine Maschine oder eine quantisierte Produktion an, dann ist es einfach nur Exakt, aber es hat keine Groovemagie. Ich steh zum Beispiel total darauf, wenn der Gitarrist eine Single-Line spielt, die er timingmäßig total hinter den Drums spielt. Oder wenn der Bass seine Töne immer ganz kurz HINTER der Kickdrum spielt. Auch kann eine Band, bei der der Drummer mit Click spielt einen sehr schlechten Groove haben, da der Drummer nicht mit den Instrumentalisten zusammenspielt, sondern mit dem Click. Bestes Beispiel dafür: beim Live-Auftritt treibt die Band adrenalinbedingt, aber der Drummer hält sich stur an seinen Click. Dadurch spielt die ganze Band VOR den Drums und der Drummer hört sich an, als wenn er schleppt, und alle denken „Mann, was ist das denn für ne Schlaftablette – groovt nicht“ 😉

Weiterhin macht die persönliche Auslegung der Microtime des jeweiligen Instrumentalisten den Groove aus (es hat zum Beispiel nicht jeder den exakt gleichen 16tel Shuffle, der eine shufflet ein bisschen weicher, der andere ein bisschen härter – wir Menschen sind ja schließlich keine Maschinen – im Zusammenspiel fällt das dann gar nicht auf, sondern hat dann eine eigene Magie)

Auch der INNERE SOUND eines Drummers macht einen Großteil des Drum-Grooves aus. Damit meine ich nicht nur das Timing Verhältnis zwischen Kick/Snare/Hi-Hat, daß z.B. die Snare und Kick ein bisschen vor oder hinter der Hi-Hat gespielt werden, auch die Dynamik-Verhältnisse untereinander: wie laut ist die Hi-Hat im Gegensatz zur Kick und Snare gespielt, wie ist das Verhältnis zwischen Kick und Snare, wie ist das dynamische Verhältnis zwischen Toms und Kick/Snare/Hi-Hat.
Ein Drummer sollte diese Verhältnisse auch immer dem musikalischen Stil/Kontext anpassen. Es wäre zum Beispiel blödsinnig, bei einem Jazz-Standard die Snare und Kick im Gegensatz zum Ride-Becken sehr laut zu spielen, da beim Swing das Ride den Hauptanteil des Drumgrooves ausmacht. Im Hip Hop dagegen wäre es komplett verfehlt, die Snare leiser als das Ridebecken oder die Hi-Hat zu spielen, da beim Hip Hop die Snare auf der 2 und 4 den Hauptanteil des Grooves ausmacht.

Was sind die essenziellsten Punkte, die du Nachwuchsdrummern mit auf den Weg gibst?

Schafft euch einen sehr soliden Grundstock an Technik, Koordination, Dynamik und Timing an, dann habt ihr sehr viel mehr Spaß beim Spielen. Das bedeutet aber auch, dass man übt! Und wenn ihr übt, dann daddelt nicht einfach so rum, sondern nutzt die Zeit bewusst und effektiv. Denkt euch eigene Grooves und Übe-konzepte aus, dann entwickelt ihr automatisch euren eigenen Stil.

Ach ja, eine kleine Aufmunterung noch: Oft wird, wenn eine Band schneller wird oder wenn etwas nicht groovt immer sofort mit dem Finger auf den Schlagzeuger gezeigt – aber Groove und Timing sind immer eine Angelegenheit der GESAMTEN Band! Wenn sich etwas schleppend anhört, dann spielen wahrscheinlich einige Instrumente timingmässig vor dem Schlagzeug. Oder wenn eine Band schneller wird, dann nicht unbedingt, weil der Schlagzeuger das Tempo nicht halten kann, sonder weil die gesamte Band treibt!

Vielen Dank für dieses inspirierende Interview!

Jan Pfennig: Spider Pedal Technic