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Interview: Maximilian Kotzmann // Callejon

Hi Max, beschreibe bitte als erstes in drei Worten, was Schlagzeugspielen für dich persönlich ausmacht:

Drei Worte sind knapp bemessen. „Rules my life!“ vielleicht?! Oder sowas wie „Identität, Sprachrohr, Lebenseinstellung“ trifft es wahrscheinlich genauer!

Wann hast du das erste mal am Drumset gesessen und was war der Moment, wo du dir sagtest: „Das ist es“ ?

Zu lange her, um sich wirklich bewusst daran zu erinnern. Mein Paps hatte früher einen Proberaum mit seiner Band bei uns zu Hause im Keller. Ich denke ich habe früher an den Drums gesessen, als dass ich wirklich artikuliert sprechen konnte. Die bewusste Entscheidung ein Schlagzeuger zu werden habe ich auf jeden Fall auch schon sehr früh getroffen. Als ich „Super Drumming“ im ZDF sah (da war ich vielleicht 5 oder 6), hatte ich exakt drei Berufsmodelle für mich festgelegt: Drummer, Pizzabäcker oder Astronaut. Drums wäre schon immer meine erste Wahl, Pizza backe ich jetzt zu Hause und wenn wir ehrlich sind, ist Astronaut sein zwar der Hammer, aber auch leider mega krass! Da braucht man ja seinen ersten Dr. schon mit 11 oder so…

Was war damals deine Hauptmotivation regelmäßig zu üben?

Ich hatte einfach Bock! 🙂 Ich hatte Bock auf geile Musik und geile Drums. Und alles was ich nicht auf Anhieb zocken konnte, aber können wollte, habe ich einfach so lange ausgecheckt, bis ich es konnte.

Hast du heutzutage eine konstante Überoutine? Wenn ja, welche?

Naja, natürlich ist es nicht mehr so konstant wie während des Studiums, aber ich nehme mir immer noch die Zeit gewisse Dinge im Detail zu checken. Drumming ist halt eine sich immer weiterentwickelnde Disziplin und jeden Tag kommen neue krasse Leute an den Start, die sich allerhand verrücktes und freshes Zeug einfallen lassen. Und natürlich liegt auch in der Vergangenheit ein noch riesigerer Fundus an coolem Kram, den es noch auszuchecken gilt. Wenn ich was cooles für mich gefunden habe, gilt das altbekannte Prinzip: So lange langsam checken, bis es drin ist. Manchmal hat man auch einfach nicht die Zeit zum Üben. Unterrichten, Studio oder Tour erlauben manchmal keine wirkliche Routine. Aber stetig ernährt sich das Eichhörnchen… Soll heißen: Mit der Zeit kommen auch die moves.

Du bist seit 2010 der feste Drummer von Callejon. Wie kann man sich den typischen Songwriting-Prozess bei euch vorstellen? Klassisch zusammen im Proberaum jammen oder jeder für sich im Home-Office? In wie weit trägst du deinen Teil dazu bei?

Bei Callejon ist es etwas ein zweischneidiges Schwert. Ich würde mal sagen „best of both worlds“ trifft es vielleicht. Da wir einen sehr extrovertierten und kreativen Sänger haben, der mit Output nur so um sich schmeißt, kommen viele der grundsätzlichen Ideen meist erstmal aus seinem Home Office. Wenn es auf ein neues Album zugeht, proben wir natürlich vorher intesiv und probieren erstmal aus, ob die Songs sich live überhaupt so umsetzen lassen, wie sie auf einer Vorproduktion zu hören sind. Denn am Rechner komponierte Songs haben natürlich grundsätzlich einen ganz anderen Ansatz und häufig schon Sounds, Settings und Effekte, die live erstmal so umgesetzt werden wollen. Da kann es durchaus vorkommen, dass Parts neu arrangiert, Drum-Patterns neu gestaltet und Riffs geändert werden müssen. Im Studio gibt es dann auch immer nochmal Momente in denen dieses oder jenes Becken am Mic vielleicht nicht die Power hat, die es braucht. Oder ein Bassdrum-Pattern fühlt sich auf einmal nicht mehr richtig an. Dann besteht natürlich Handlungsbedarf und man muss sich dann als Drummer etwas neues einfallen lassen, damit es hinterher funktioniert. Insofern ist man eigentlich ständig mit am kreativen Prozess beteiligt.

In welchen Bands/Projekten bist du aktuell noch tätig?

Ich habe und hatte schon immer viele verschiedene Projekte am laufen. Aktuell würde ich zu meinen aktiven Projekten wahrscheinlich das Timo Brauwers Trio (ein Fingerstyle Acoustic Trio) und mein eigenes Jazz Quartett, das Kotzmann Quartett zählen. Ich spiele aber auch immer  wieder als Sub für das „Mondo Mashup Soundsystem“ und bin viel in meinem eigenen Studio beschäftigt. Dort schraube ich derzeit an vielen eigenen Songs und habe ein kleines Team von Homies um mich herum, mit denen immer wieder musikalische Ausflüge unternommen werden.  Gerade in den Bereichen Hip Hop und Big Beat fühle ich mich momentan sehr wohl. Ich bin aber eh ein großer Freund von Improvisierter Musik  und auch gerne auf Sessions unterwegs. Gerade im Bereich Jazz kommen immer wieder neue Konstellationen zusammen, die man vielleicht nicht direkt als Band oder Projekt bezeichnen würde.

Was ist deine prägendste Erfahrung als Live-Drummer?

Ich habe mal mit den Duisburger Sinfonikern ein Konzert gespielt als ich 12 war oder so. Das war einer meiner ersten bezahlten Jobs überhaupt und es gab nur eine Generalprobe und eine etwa 30 Seiten lange Partitur mit ca 10.000 Taktwechseln und 48.000 Tempowechseln. Ich hatte eigentlich original nur 2 Schläge am Glockenbaum und einen Schlag auf der großen Konzerttrommel zu spielen, im gesamten Stück. Ergo: ca. 40.000 Takte Pause. Naja, als diese drei Schläge dann bei der Generalprobe nicht im richtigen Moment kamen, weil ich mich wahrscheinlich in den 40.000 Takten Pause verzählt hatte, hat der Dirigent unmittelbar das Stück abgebrochen, um mich vor dem gesamten Orchester freundlich darauf hinzuweisen, dass ich nur drei Schläge zu spielen hätte… und zwar auf seinen Einsatz… und nicht zu früh… und auch nicht zu spät!!! …You had one Job….

Naja, das war mir dann so unangenehm, dass ich die ganze Nacht lang das Stück mit Partitur gehört habe, um es beim Konzert richtig zu machen. Hat dann auch geklappt. Ja ey, ich hatte die Noten erst zur Probe bekommen! Nobody’s perfect 😉

Was macht für dich ein gutes Drumsolo aus?

Hmm… schwierige Frage! Kann ich so nicht sagen. Das hängt denke ich davon ab was für eine Sorte Drummer man ist und in welchem Kontext das Solo gespielt wird. Für eine Callejon Show bei Wacken oder auf Tour spiele ich natürlich ein ganz anderes Solo als in einem Jazz-Quartett-Kontext. Oder an ein Dave Weckl Masterclass Solo geht man natürlich mit einer ganz anderen Einstellung als an ein Buddy Rich Big Band Solo. Wie schon gesagt, bin ich ein Impro-Freund, würde aber in einer durchgeplanten Pop oder Rock Show schon auch ein klares Konzept für ein Solo haben wollen. Mir persönlich sind immer die Energie, der Sound und die Kreativität in einem Solo sehr wichtig. Wenn ich sehe, dass der Drummer gerade in diesem Solo-Moment alles an Leidenschaft, Feuer und Skills einbringt, was ihm zur Verfügung steht, dann ist das für mich wahrscheinlich ein gutes Solo. Show Drumming ist so eine Sache. Ist natürlich auch ein Teil des Ganzen und gut eingebracht sind Stick Tricks natürlich total Sahne. Aber wenn jemand mehr die Stöcke durch die Gegend schmeißt, als geiles Zeug zu spielen, schalte ich schnell ab.

Was ist deine persönliche Definition von Groove?

Ich hab’s nicht so mit Definitionen. Ich bin aber ein Timing-Fan und wenn ein Song ein geiles Tempo hat und alle Noten da gespielt sind, wo sie in diesem Tempo einfach geil sind, dann ergibt sich so für mich ein guter Groove.

Miles Davis sagte einmal: „Die Musik entsteht zwischen den Noten“. Wie würdest du einem Einsteiger diese „Philosophie“ verständlich näherbringen?

Miles Davis ist ein verflucht geiler Hund. Er hat natürlich vollkommen Recht und diese Aussage ist verdammt richtig. Der Platz zwischen den Noten gibt ihnen eigentlich erst ihre Bedeutung. Meist führt auch eine Pause erst dazu, dass man bestimmte Nuancen im Sound oder in der Musik erst richtig wahrnimmmt. Natürlich muss die Note an sich schon von vorne bis hinten richtig und gut sein, aber ein echter Vibe entsteht erst, wenn man den Noten auch den Platz und die Zeit lässt, um sich zu entfalten. Leute, die ständig und ziemlich schnell sprechen, hört man ja auch irgendwann nicht mehr richtig zu. Oder man lässt den Worten vielleicht irgendwann nicht mehr die entsprechende Beachtung zukommen, weil es einfach zu viele sind.

Mir kam mal bei einem Drumtuning Workshop die Aussage zu Ohren: „Wer gut klingt, kann sich erlauben weniger zu können.“ Fallen dir dazu Beispiele ein bzw. kannst du diese Aussage bestätigen?

Naja, ich glaube man kann sich bei einer Performance nie wirklich etwas „erlauben“. Jeder sollte meiner Meinung nach seinem Skill-Level entsprechend immer versuchen so geil wie nur irgendwie möglich zu spielen. Drumming ist a serious buisness mate! Es stimmt aber, dass wenn der Sound stimmt und das Timing gut ist, auch der banalste Groove einfach unglaublich gut funktionieren kann. Dazu gibt es in der Musikgeschichte ungefähr tausend Beispiele. Jimmy Cobb z.B. spielt auf der „Kind of Blue“ Platte von Miles Davis im Song „Flamenco Sketches“ ca. 5 minuten lang nur viertel Noten mit einem Besen auf seinem Ride. Später sogar nur noch 3 von 4 Vierteln und es bringt den Song einfach nochmal auf ein noch höheres Level. Verrückt und auch genial! Da stimmt einfach alles. Sound, Timing, Vibe… Jeder weitere Schlag hätte es einfach kaputt gemacht. Oder schonmal „Billie Jean“ von Michael Jackson gespielt? Das ist auch „nur“ ein Achtel Groove mit Kick auf 1 und 3 und Snare auf 2 und 4. Aber diesen Groove so karatemäßig und messerscharf zu spielen wie Ndugu Chancler ist mal megamäßig schwierig. Auch die einfachen Dinge wollen erstmal gut performt werden.

Was sind die essenziellsten Punkte, die du Nachwuchsdrummern mit auf den Weg gibst?

Stay Strong! Und nicht vergessen, dass der Weg das Ziel ist! Es gibt keinen Punkt, an dem man fertig gelernt hat. Alles andere ist ein Irrglaube und führt früher oder später zu Stagnation. Außerdem die Dinge ernst nehmen. Langsam üben bedeutet LANGSAM ÜBEN!!!! Es hat einen Grund, warum das jeder sagt!

Was gibst du angehenden Profidrummern mit auf den Weg?

Stellt euch darauf ein, dass Profi-Drumming nicht ausschließlich eine Passion ist. Als Profi habt ihr euch eure Passion auch zum Geschäft gemacht. Das birgt auch Schattenseiten. Darauf muss man sich einstellen. Aber wenn man sich einmal damit arrangiert hat, ist es der beste Job der Welt. Obwohl ich nicht weiß, wie es ist ein Astronaut zu sein…

Die letzten Worte gehören dir:

Hang Loose und Play Tight! Das ist der Kotzmann Style 😎

Vielen Dank für das interview!