• kontakt@drumcoaching-dresden.de
  • 0174 3377 600

Interview: Rainer „Elute“ Kind // Matthias Reim

Hi Elute, beschreibe bitte als erstes in drei Worten, was Schlagzeugspielen für dich persönlich ausmacht?

Das ist mein Hobby, Leidenschaft und Beruf. Es dreht sich quasi bei mir (fast) alles ums Trommeln. Und nicht nur das Trommeln, sondern Musik im Allgemeinen, da für mich Schlagzeugspielen untrennbar mit Musik verbunden ist.

Was war damals dein Schlüsselerlebnis, wo du zur Trommelkunst gekommen bist?

Ich habe schon als Kind (geb. 1964) auf allem rumgeklopft. Ich wohnte neben einer französischen Garnison und wenn deren Militärkapelle mit mehreren Trommlern bei uns vorbei marschierte, hat mich das jedes Mal fasziniert. Und mein Opa hatte einen Plattenspieler und eine Ernst Mosch-Schallplatte, die ich auch immer ‚mit getrommelt‘ habe :-). Dann ging ich mit 10 Jahren in den örtlichen Musikverein. Der ältere Schlagzeuger dort hatte schon eine Band, da durfte ich zugucken und später auch mal mitspielen.

Hast du heutzutage noch ein festes Übe-Programm oder beschränkt sich das größtenteils auf deine Bandproben?

Ich habe kein festes oder ständiges Übe-Programm. Wenn irgendwelche neuen Programme mit Bands anstehen, bereite ich mich ‚mental‘ darauf vor, d.h. ich checke Songabläufe usw. und mache mir Notizen, wenn es keine Noten gibt. Dann checke ich ab, mit welcher Attitüde ich das spielen sollte und stelle mir entsprechend mein Set zusammen. Ich spiele nie mit nur einem ‚Standard-Set‘ und den gleichen Sticks verschiedene Projekte. Einigermaßen regelmäßig übe ich verschiedene Jazz-Styles am Set, d.h. verschiedene Ride-Cymbal-Figuren und das Besen-Spiel. Des Weiteren habe ich vor einiger Zeit die französische Trommelschule entdeckt und habe mir entsprechende Bücher von Robert Goute besorgt, die ich anhand von Youtube-Clips austüftle. Sehr geiles Zeug! Guckt mal auf Youtube z.B. „Robert Goute, Rigodon“… die Typen heißen „chtidrummer“ und „Tambourama“. Sensationell!

Wer waren damals deine Drumheroes?

Ganz viele unterschiedliche Drummer! Entweder bin ich Fan von deren Gesamtwerk oder auch nur von einzelnen Schallplatten und dem Drumming. Die damaligen Heroes sind es auch heute noch z.B. die großen Namen wie Ringo Starr, John Bonham, Ian Paice, Keith Moon. Aber auch die nicht so bekannten Band-Drummer, die über Jahre den Drive und Sound einer Band mit Leidenschaft und Energie mitbestimmt haben: Doug Clifford (CCR), Brian Downey (Thin Lizzy „Live & dangerous“), Steve Upton (Wishbone Ash), Mickey Curry (Bryan Adams), Tony Brock (Rod Stewart), Ted McKenna (Rory Gallagher „Stage struck“), Clem Burke (Blondie), Stewart Copeland (Police), Graham Lear (Santana „Moonflower“), Liberty DeVitto (Billy Joel), Levon Helm (The Band), Carlton Barrett (Bob Marley),…. diese Liste könnte ich noch weiter fortführen. Es gibt aber auch die von mir verehrten Drummer die unterschiedlichste Projekte gemacht haben, sei es im Studio oder Live: Steve Gadd, Steve Jordan (z.B. Blues Brothers live), Jeff Porcaro (eben nicht nur bei Toto…), John Robinson (z.B. Rufus, Peter Frampton) , Kenny Aronoff, Steve Smith, Jim Keltner (u.a. John Hiatt), Greg Bisonette,…
Dann haben mich früher auch deutsche Trommler beeindruckt, wie z.B. der junge Bertram Engel (heute auch noch!), Hans Behrendt (Ideal. Aussergewöhnlicher Typ!!), Armin Rühl (Grönemeyer), Franz Trojan (Spider Murphy Gang – geiler Rock’n’Roll-Drummer!!!).
Parallel zum Rock bin ich aber auch früh mit Jazz groß geworden:
Buddy Rich, Tony Williams, Steve Gadd (auch hier!), Kenny Clarke, die Drummer der Count Basie Big Band, Billy Cobham,….

Wie kann man sich eine Matthias Reim Live-Probe vorstellen? Die Alben sind ja meist mit programmierten Drums und live gleicht die Show eines Deutsch-Rock-Konzertes. Hast du bzgl der Drum-Arrangements alleinige Entscheidungsgewalt?

Bei Reim kann ich mich austoben und entfalten. Ich habe leider nur auf dem „7 Leben“-Album was getrommelt. Ansonsten wird das immer programmiert. Im Prinzip halte ich mich ans Original. Das Programming auf neueren CDs klingt auch teilweise eher nach echten Drums. Bei älteren Sachen oder anders klingenden Drums werde ich selbst kreativ. Bei den Fills entscheide ich, ob sie notwendig oder austauschbar sind. Über die Jahre haben wir als Band quasi diesen Reim-Sound kreiert. Das ist es auch was mich antreibt und ich sehe mich dort, auch wie bei meinen Band-Drummer-Heroes, in der Rolle, dem ganzen meinen Stempel aufzudrücken. Ob man das noch Schlager nennt ist mir egal, Hauptsache es rockt, schiebt, drückt und ist mit Leidenschaft gespielt. Der Produzent Thorsten Brötzmann hat mir mal gesagt, dass er die Songs so arrangiert und programmiert wie die Band klingt!

Was sind im Jahr 2016 noch für musikalische Highlights bei dir geplant?

Nach längerer Zwangspause durch Matzes Krankheit sind wir nun wieder im Proberaum, um die neuen Songs bzw das neue Programm für die Tour ab Ende Juni einzustudieren. Ich bastel auch an einem neuen Set. Momentan also noch alles spannend.

In welchen Bands/Projekten bist du derzeit noch tätig?

Ich habe noch verschiedene kleinere Bands, z.B. die 60er Jahre Beat-Kapelle ‚Jimmy Beat‘. Das macht großen Spaß, die Songs möglichst authentisch auf einem alten Set zu trommeln. Besonders die Beatles sind sehr tückisch. Das Feeling von Ringo hinzukriegen ist nicht ohne. Dann hab ich noch eine Spaß-Schlagerband ‚Ralle Ventura‘. Da spielen gute Leute mit (teilweise dieselben wie in der Beat-Kapelle und Mickie Krause) und wir machen eher das aktuellere Zeug. Ich habe ja in den 90er Jahre lange genug und mehr als ausreichend mit Guildo Horn die 70er Schlager zelebriert 🙂 Dann bin ich auch Aushilfe für verschiedene Acts wie z.B. Mickie Krause. Ein weiteres Projekt steht in den Startlöchern: ein hartes Rock’n’Roll-Trio plus Sängerin. Und dann bin ich ja noch als Jazz-Drum-Dozent in Luxemburg am Konservatorium tätig und spiele dort immer mal wieder in dem Projekt LARGO, und das in den letzten 15 Jahren weltweit. Dann immer mal wieder Big Band-Gigs ob live oder Studio. Da waren schon Konzerte mit George Duke und Paquito D’Rivera dabei. Ich spiele auch immer mal beim Orchestre Philharmonic Luxembourg, wenn die Pop-Projekte machen. Da hab ich vor zwei Jahren noch mit Ute Lemper gespielt. Mal sehen, was da noch so kommt. Also es wird nicht langweilig.

Findest du Kenntnisse im Bereich Noten- und Rhythmiklehre dienlich oder wäre es vorteilhafter, wenn die Musik „mehr“ intuitiv aus den Fingern kommt?

Wenn ich nicht notenfest wäre, hätte ich viele der o.g. Jobs nicht machen können. Du musst aber dennoch neben den Noten über den Tellerrand schauen, zuhören und intuitiv entscheiden, was die jeweilige Musik noch braucht, denn Drum-Noten drücken nicht alles aus. Rockmusik sollte man allerdings nicht nach Noten spielen!

Was ist deine persönliche Definition von Groove?

Da hab ich verschiedene Sichtweisen: die Musik entscheidet, mit welchem Feeling und welchem Groove ich was spielen muss. Muss das treiben oder laid-back sein, oder genau auf den Punkt?! Wie singt der Sänger? Was spielt die Gitarre? Daraus ergibt sich das Gefüge unter das ich den entsprechenden Groove setze. Und dann fängt man auch an mit dem Timing zu spielen, nach vorne, hinten oder auf dem Beat. Unter Groove versteht man ja im Allgemeinen eher etwas „relaxed vor sich hin Rollendes“, damit wäre man aber in einer wilden Punkband fehl am Platz 😉

Was sind die essenziellsten Punkte, die du Nachwuchstrommlern mit auf den Weg gibst?

Technik ist nicht alles! Und ‚weniger ist oft mehr‘. Es kommt natürlich auf die Art Musik an, die man gerne spielen möchte. Manchmal erfordert diese mehr oder weniger Technik. Man muss halt geschmackssicher werden. Musikalität und Technik sollten sich die Waage halten. Technik ist nur das Mittel, sich musikalisch auszudrücken. Ohne Musik-Instinkt, Geschmack und das Know-How über Songaufbau bist du aufgeschmissen, da hilft Dir die beste Technik nichts. Viele meiner Drum-Helden wie z.B. auch Max Weinberg (z.B. Springsteen) spielten oder spielen ja nicht vordergründig technisch, wenn sie überhaupt je eine hatten. Also nicht nur Paradiddle üben, denn da gibt es keine Pausen 😉 Ein Blick in eine klassische Kleine-Trommelschule ist sinnvoll, denn da gibt es Übungen mit Notenwerten und Pausen aller Art um rhythmische Präzision zu trainieren. Als Drummer musst du eine Band vorausschauend führen. Also musst du verstehen wie die anderen Musiker ticken und was die so wollen. Sich nur mit Drummern auseinanderzusetzen ist zu eindimensional, denn man spielt nie mit anderen Drummern sondern mit anderen Instrumentalisten. Und über die Jahre ändern sich Musikstile und Geschmäcker, da sollte man flexibel sein. Je mehr Stile man authentisch bedienen kann, um so mehr verschiedene Jobs kann man spielen. Das ist die Herausforderung.

Vielen Dank für das interessante Interview!

www.rainer-elute-kind.de