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Interview: Stephan „Stocki“ Stockburger // Cytotoxin, Mr.Feelgood

Hi Stocki, beschreibe in drei Worten, was Schlagzeugspielen für dich ausmacht.

Freude, Selbstverwirklichung, Ehrgeiz

Wann hast du das erste mal am Drumset gesessen und was war der Moment, wo du dir sagtest: „Das ist es“ ?

Ich habe mit 13 gemerkt, dass mich Schlagzeugspielen irgendwie interessiert und fand es cool Schlagzeuger zu beobachten. Selber hatte ich leider keinen Zugang zum Instrument und kannte auf dem Dorf auch keinen, der ein Drumset hatte. Bei uns gab es ja nicht mal eine Ampel weit und breit haha. Irgendwann kam ich dann in die Aula unseres Gymnasiums, in der ein Drumset auf der Bühne stand. Als der Lehrer endlich weg war und wir Schüler kurz unbeobachtet waren, habe ich mich einfach mal rangesetzt. Damals war der Song „Youth of the nation“ von P.O.D. total angesagt – Alter, sind wir alt… Der Refrain wurde hauptsächlich auf den Toms gespielt. Ich habe das dann mit meinem gefährlichen Halbwissen versucht nachzutrommeln, zumal ich den Part ja auf dem Luftschlagzeug schon perfektioniert hatte und das ging mir irgendwie leicht von der Hand, bzw. ging es mir leichter von der Hand als alles andere, was ich probiert hatte bis dahin. Ich habe also gemerkt, dass ich eventuell einfach einen Zugang zu dieser Welt habe, woher auch immer. Ich muss gestehen, dass ich eine ziemliche Macke habe, was Drumming angeht. Mich hat damals allein schon der Geruch des verstaubten Schulschlagzeuges begeistert, wobei der nicht wirklich gut war. Und es war immer etwas sehr besonderes für mich, wenn ich da ab und an mal ran durfte. Ich habe montags schon auf Donnerstag gewartet und mich gefreut, wenn ich wusste, da ist die Aula wiedermal offen. Ich war einfach total begeistert, was ich heute so nur von wenigen Kollegen oder Schülern kenne. Ich denke zu meiner Jugend waren viele Dinge wirklich noch besonders, einfach weil man keinen einfachen Zugang hatte. Heute hast du immer alles überall und der Wert ist eben gesunken: Ich bin sehr dankbar dafür, früher für meine Leidenschaft eher gekämpft haben zu müssen, denn so hatte es etwas Magisches und war keine Eintagsfliege wie die meisten Hobbyversuche der heutigen Jugend.

Du bist spezialisiert auf Extreme Metal Drumming. Wie kann man sich deine Überoutine vorstellen?

Ich habe nicht wirklich eine konstante Routine. Ich übe immer, was ich gerade üben sollte. Prinzipiell übe ich aber jeden Tag und versuche stets sehr auf meine Physiologie zu achten. Viel Dehnen und entspanntes Trainieren. Krämpfe etc. sind für mich erklärte Feinde und ich konzentriere mich auf Lockerheit und Kontrolle. Das ist das, was die Jugend immer nicht hören will, denn man möchte ja ballern, als gäbe es keinen Morgen mehr. Aber das ist alles nichts Langfristiges. Wirklich Spaß macht es wirklich, wenn das Tempo, für das man immer kämpfen musste, irgendwann die Komfortzone wird. Im Moment übe ich auch nicht wirklich Tempo, sondern versuche meine Technik zu optimieren, um hohes Tempo lange und auch laut halten zu können. Seit einigen Monaten arbeite ich im Prinzip ausschließlich an zwei Dingen: meinen Stärken und meinen Schwächen. Alles dazwischen macht momentan keinen Sinn für mich, da ich durch Cytotoxin sehr spezifische Sachen spiele und versuche meinen Job da bestmöglich zu erledigen. Was Stärken angeht versuche ich unkonventionelle Blastbeats weiter auszuarbeiten oder immer mehr Fill-Ins auszutüfteln, die man nicht überall hört. Was Schwächen angeht muss ich noch weiter an meiner Balance arbeiten, da ich durch meine speziellen Pedaleinstellungen zwar extrem schnelles Zeug gut mit Double-Strokes spielen kann, aber der Mid-Tempo Bereich dann eher unangenehm wird. Ich finde das eine sehr sinnvolle Sache zeitweise nur an Stärken und Schwächen zu arbeiten, denn die sind für die Leistung am Ende am entscheidendsten.

Du hast vor kurzem mit deiner Death Metal Band CYTOTOXIN ein neues Album („Gammageddon“) rausgebracht.
Dein Drumstil wirkt sehr ausgereift, groovig und kreativ im Vergleich zu dem leider ersetzbaren Death Metal Überschuss heutzutage.
Was hat dich zu diesem Drumsound und zu dieser Dynamik bewogen und inspiriert?

Danke für die Blumen. Es war auch mein Ziel, vom Standard etwas abzuweichen und alles ein wenig interessanter zu gestalten. Dass ich so klinge wie ich klinge, hat damit zu tun, dass ich im eigentlichen Sinne kein Extreme Drummer bin. Ich liebe Groove, Wirbel, Rudiments und alles andere, was das Schlagzeug zu bieten hat. Nur Blastbeats zu spielen hat mich noch nie richtig zufriedengestellt und ich versuche einfach meine Lieblingsfiguren mit in den extremen Bereich zu ziehen. Zum anderen sehe ich mich als reiner Dienstleister der Musik. Als Schlagzeuger empfinde ich es als meine Aufgabe, dem Song bestmöglich zu dienen. Ich arbeite Akzente heraus, versuche zu strukturieren und die Dynamik zu unterstützen. Gerade im Tech- oder Brutal Death ist es entscheidend, die Musik nachvollziehbar und für das Ohr transparent zu gestalten. Ich versuche immer die entscheidenden Merkmale eines Songs oder Riffs aufzugreifen. Spielt die Gitarre triolisch, tue ich das auch. Macht der Gesang vier deutliche Akzente, greife ich diese mit Chinas auf etc. Angenommen man hört den Song ohne Drums, versuche ich alles, was hier ins Auge bzw. ins Ohr sticht mit in das Drumming aufzunehmen. Wenn man ein kompliziertes Riff hört und nicht so recht weiß, wie man hier den roten Faden geben soll, hilft es zum Beispiel das Riff mal zu summen oder zu klopfen. Hier muss man es ja auf das Wesentliche reduzieren und schon hat man eine Art Hookline, die man am Schlagzeug bedienen könnte. Das erfordert oft, dass man von normalen 8tel-Noten weggeht und eben auch mal Quintolen oder komplizierter Fuß-Patterns rausholt; das ist das tolle an Cytotoxin. Die Band ist im Prinzip eine Spielwiese, auf der man sich ausleben kann. Ich denke der Fakt, dass wir musikalisch alle an einem roten Faden entlang spielen, macht Cytotoxin auch etwas besser anhör- und nachvollziehbarer als andere extreme Bands. Am Ende bin ich für mich auch sehr perfektionistisch. Ich könnte jedes Becken und jeden Trommelschlag auf dem Album begründen und versuche, dass man allein an den Drum-Tracks den Song erkennen und nachvollziehen kann. Das geht auch noch besser als auf Gammageddon, aber war schon ein wichtiger Schritt seit Radiophobia.

Du bist noch der Drummer von Mr.Feelgood, einer Coverband. Das klingt auf jeden Fall nach einer interessanten Mischung aus Fitness und Straight-Forward, wenn du in zwei solchen unterschiedlichen Bands trommelst! Was ist deine größte Herausforderung bei Mr.Feelgood? Groove, Timing, Straightness,…?

Die Herausforderung bei Mr. Feelgood ist, dass man circa vier Stunden auf der Bühne relativ wenig spielt 🙂 Es ist eine andere Art Unterhaltung als Cytotoxin und die Zuschauer sollen vier Stunden gerne auf die Bühne schauen. Ich konzentriere mich hier darauf, dass alles was ich spiele, auch wenn das recht unspektakulär ist (da die Musik einfach nichts Spektakuläres am Schlagzeug verträgt) einfach interessant und aufwendig aussieht. Ich mache viele Sticktricks und versuche, dass man den ganzen Abend nur das Schlagzeug beobachten könnte und allein damit ausreichend unterhalten wird. Mir gefällt es nicht, wenn Musiker auf der Bühne nur Lieder spielen. Das ist nur der halbe oder sogar weniger als der halbe Job. Wir sind in der Unterhaltungsbranche und da ist das akustische nur ein Teil der Aufgabe. Diese Philosophie haben wir auch bei Cytotoxin. Es muss eine Show sein und nicht nur eine Sammlung von Liedern. Mr. Feelgood ist schlagzeugtechnisch zwar bei weitem nicht so aufwendig wie Tech-Death, aber den Job dort gut zu erfüllen ist eben auf andere Art anspruchsvoll als bei Cytotoxin, daher möchte ich keine dieser beiden vollkommen verschiedenen Welten für mich als Musiker missen, auch wenn der ein oder andere die Cover-Szene vielleicht belächeln mag. Durch diese Schule sollte jeder Musiker mal gegangen sein.

Wie ist der aktuelle Stand bei INVA DRUMS (Snare-Drum-Hersteller) ? Läuft dein Custom-Shop noch oder bist du da aus zeitlichen Gründen etwas zurückgetreten?

Tatsächlich ist da zeitbedingt bisher nur wenig gelaufen, auch wenn es zahlreiche Anfragen gab und viel positives Feedback. Ich hoffe, dass ich hier etwas mehr Zeit investieren kann, wenn es mal ruhiger wird. Jedoch wächst meine Musikschule und die beiden Bands kommen gut voran, sodass es wohl bei einigen ausgewählten Projekten mit Inva vorerst bleiben wird, was aber auch nicht schlimm ist für mich.

Bist du eher der Impro- oder der Notentyp?

Ganz klar Impro-Typ! Das heißt nicht, dass ich mich einem Notenblatt nicht unterordnen kann. Als Lehrer habe ich Noten zu nutzen und lieben gelernt, jedoch sage ich all meinen Schülern, dass man am besten spielen kann ohne Zahlen im Kopf und Noten im Auge. Ich merke, dass Schüler die mit großem Einsatz von Noten aufwachsen, schwer vom Blatt wegkommen. Einen notenlosen Spieler kann man jedoch schnell an Noten heranführen. Dieser Weg ist mir lieber. Ich kann auch Noten auf der Bühne nicht leiden. Wenn ich die Band und den Song liebe, dann muss ich ihn nicht von einer Gedankenstütze abspielen. Aber ich bin kein Hardliner. Wo Noten Sinn machen, her damit! Ich liebe jedoch den befreiten Geist, mit dem man sich ans Set oder sonst was setzen kann und sich einfach ausdrückt, ohne dass man vorher etwas ausdruckt 🙂 Ausdruck ohne Ausdruck quasi!

Was macht für dich einen fetten und authentischen Groove aus?

Das ist eine große Frage, zumal noch gar nicht richtig geklärt ist, was Groove überhaupt ist 🙂
Ich denke Groove ist ein Zustand, der entstehen kann, wenn gewisse Faktoren zusammenkommen. Ein Beat allein reicht vielleicht manchmal nicht. Kaum ist der Bass dabei, groovt es. Eine 8tel Figur auf der Hi-Hat wirkt verloren; nutzt man Akzente, wird es lebendig und groovt. Ich denke Groove ist immer sehr subjektiv und Dinge, die hier grooven, tun es woanders nicht. Am Ende denke ich muss man als Schlagzeuger sich allen Ebenen des Instrumentes bedienen. Musik sind bestimmte Töne zu einer bestimmten Zeit. Das wars. Also muss jeder Schlag dort sein, wo er sein muss. Wir haben wenig Töne am Drumset, daher muss mit laut und leise ein Ausdruck entstehen. Das wird verstärkt, indem man die richtige Trommel und das richtige Becken wählt. Profis spielen ein fremdes Schlagzeug und lesen die Charakteristik aller Komponenten quasi aus. Auf kurz klingenden Toms wird eher schneller gespielt, auf lang schwingenden, eher getragen und mächtig. Verwaschene Rides vielleicht leicht angecrasht, pingige Rides eher mit kurzen Wirbeln eingedeckt. Meiner Meinung nach nimmt auch ein Laie wahr, wenn sich jemand all dieser Ebenen bewusst ist und er würde dann sagen: „Ja, das groovt“.

Miles Davis sagte einmal, dass die Musik zwischen den Noten entsteht. Kannst du seine Meinung teilen, bzw. kannst du dich mit diesem Zitat identifizieren?

Das Zitat kenne ich gut. Ähnlich wie, du musst zwischen den Zeilen lesen. Ich selbst bin jedoch ein sehr mathematischer Kopf und mag es Dinge auf´s Wesentliche herunterzubrechen. Das ist auch das, was ich an Rhythmik mag. Das rhythmische Raster ist eigentlich so begrenzt mit den paar Notenwerten, aber diese Vielfalt so enorm. Ich mag es auch nicht, wenn mir gesagt wird, ich soll etwas vor dem Klick oder danach spielen. Das hat in meinem Kopf überhaupt keinen Platz und macht für mich auch keinen Sinn. Ich kann Rhythmen auch ent- oder beschleunigen ohne am Grundtempo oder der Genauigkeit rumzutüfteln. Ich liebe die Exaktheit und mag es, wenn auch die kleinsten und leisesten Noten genau auf dem Raster liegen. Somit kann ich mich mit dem Zitat ehrlich gesagt nicht identifizieren. Es soll eben zum nachdenken anregen, aber es ist mir zu unkonkret und zu abstrakt. Ich denke Musik findet genau in dem Moment statt, wo die richtige Note zur richtigen Zeit, in der richten Art und Weiße gespielt wird. Man sollte eher daran arbeiten, als über solche Zitate zu philosophieren 🙂

Hast du Hobbies oder einen Job außerhalb des Schlagzeugspielens?

Schlagzeugspielen ist mein Hobby und mein Job, obwohl ich ursprünglich mal Elementarpädagogik studiert habe und Diplom-Sozialpädagoge bin. Ich finde, man sollte in dem einen Leben was man hat, hauptsächlich Dinge tun, die einen glücklich machen. Da man zum Leben Finanzen braucht, sollte bestenfalls dabei auch noch Geld als „Abfallprodukt“ entstehen. Daher habe ich vor einigen Jahren mein Hobby zum Beruf gemacht und arbeite primär als Schlagzeuglehrer und Live-Musiker. Ansonsten interessiere ich mich sehr für Technik, Science Fiction, habe zwei tolle Katzen, wenn Zeit ist zocke ich, schaue gerne fiese Horrorfilme, genieße die Natur, fahre auf der Autobahn, etc. ich versuche den meisten Dingen etwas Positives abzugewinnen, jedoch würde ich es deshalb allein nicht als Hobby bezeichnen. Andere Dauerbeschäftigungen hatten neben dem Schlagzeug nie wirklich Platz. Wenn ein Hobby die Rolle hat, neben einen unliebsamen Arbeitsalltag einen Ausgleich zu bieten, dann brauche ich auch kein Hobby in dem Sinne, da mich mein Beruf erfüllt.

Was ist dieses Jahr noch alles so bei dir geplant?

Im Moment laufen die Tourvorbereitungen, Achtung Wortwitz: auf Hochtouren! Wir haben allerhand Technik angeschafft und werden in Zukunft mit In-Ear-Monitoring, Klick und Samples spielen, um möglichst viel der Gammageddon-Atmosphäre mit auf die Bühne nehmen zu können. Bis das alles in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird es sicher noch eine Weile dauern. Also Cytotoxin steht natürlich bei mir im musikalischen Fokus, auch wenn abseits der Tech-Death-Welt noch vieles passiert. Bei Cytotoxin gibt es immer etwas zu tun und zu verbessern, was unheimlich viel Spaß macht, besonders da wir fünf kreative Köpfe sind, die so konstruktiv und gewinnbringend zusammenarbeiten, wie ich es von keiner Band bisher mitbekommen habe. Ansonsten gibt es auch in einer Musikschule immer viel zu tun. Ich arbeite da gerade an einem modularen Lehrplan und will mit meinen Schülern ein schönes Weihnachtsprogramm auf die Beine stellen. Man lernt beim Unterrichten vieles über das Schlagzeugspielen, auch wenn man selbst gar nicht spielt und ich versuche auch hier meine Philosophien durchzusetzen. So wird es keine Notenblätter auf der Bühne geben und das Ganze etwas unkonventioneller ablaufen, als das typische ein-tausendste Weihnachtskonzert. Es gibt also jede Menge anderer spannender Sachen für Schlagzeuger, daher kann ich nur jedem Blastbeat-Fanatiker empfehlen, über den Tellerrand zu schauen. Ich muss für mich sagen, dass ich ein besserer Deathmetal-Schlagzeuger geworden bin, weil ich mich häufig nicht mit Deathmetal beschäftigt habe 🙂

Vielen Dank für das Interview! Checkt die aktuelle CYTOTOXIN Scheibe GAMMAGEDDON!

 

www.cytotoxin.de